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Sonntag, 28.09.2008, 22:35
Hmmm. Meine Tochter ist 17 Monate alt. Bevor ich ein Kind bekommen habe, habe ich nicht viel Erfahrung mit anderen Kindern gehabt. Klar, ich bin eine Frau. Trotzdem hatte ich immer ein bisschen Spundus vor Kindern; ich konnte sie ganz gut leiden, aber sie waren mir auch etwas suspekt. Von daher konnte ich also vor meiner Schwangerschaft auch keine Kindererfahrung sammeln.
Dann hab ich meine Tochter bekommen. Und wurde das erste Mal mit dem Phänomen "Mutter" konfrontiert.
Also, ich persönlich bin glaub ich viel zu naiv ans Muttersein herangegangen. Ich dachte immer, man bekommt sein Baby, dann liebt man sein Baby abgöttisch und hält es für das tollste Baby der Welt, man wird Eltern, füttert sein Baby und kauft Pampers und Hipp Gläschen, schickt den Wurm in den Kindergarten, danach in die Schule, lässt das Baby maturieren oder eine Lehre machen und entsendet es dann als gestärkte, selbstbewusste Person ins Leben als Erwachsener. Tja. Irgendwie bin ich wohl sehr naiv.
Also, während der Schwangerschaft musste ich ziemlich viel arbeiten, ich hatte also keine Zeit, mich aufs schwangersein zu konzentrieren. Das war anscheinend schon mal der erste Fehler. Mein Frauenarzt fand das voll o.k, und von daher hab ich mir auch gedacht, dass das o.k ist. Ich hatte keine Ahnung, dass es sowas wie Geburtsvorbereitungskurse gibt (das gibt es bei Rindern auch nicht) oder Yoga für Schwangere, und dass man als Mutter die Intelligenz und den Erfolg im Leben des Kindes schon massiv beeinflusst, indem man alle diese Kurse besucht.
Und dann die Geburt. Ich gestehe: ich dachte, das läuft beim Menschen, der ja im Grunde auch ein Säugetier ist, ähnlich ab wie bei anderen Primaten. Sprich, ich habe mich bei der Geburt in etwa so gesehen wie die Pandabärenmutter in Schönbrunn. Locker lässig flutscht da was winziges, rosarotes, runzeliges aus mir raus, das alle sofort liebhaben. Ich dachte, jeder wird rennen und mir die tollsten Namensvorschläge machen (spontan wie ich bin wären mir ja "Tai Chi Chantal" oder "Naaaadiiiiiinäääääää" oder "Tschakeline Tschenni" oder so in den Sinn gekommen) und ich werde -ganz Pandamama- mein Babylein in ein Beutelchen stecken und mein Baby wird schlafen und schmatzen und seufzen und ansonsten in Schweigen verharren.
Puh. Mein Frauenarzt hält mir nach 17 Monaten immer noch vor, dass ich ihn im Wahn der gefühlten 32947892 Stunden Geburt (angeblich warens grad mal 7 Stunden und 33 Minuten) Zuge der Geburt als "Du blödes Humanmedizinerarschgesicht" betitelt habe und ihn (wohl eher in unfreundlichem Tonfall) gefragt habe "Lernt ihr beschissenen Humanmediziner nix während eures verfickten Studiums? Hol das Kalb aus mir raus, verdammte Scheisse". Er hat sich dann spontan entschlossen, das Kind aus mir rauszuschneiden, vermutlich, weil ich knapp davor war, im Rudolfinerhaus einen Amoklauf zu begehen. (ich sehe die Schlagzeile bildlich vor mir "Tierärztin erschiesst Frauenarzt mittels Bolzenschussgerät")
So. Dann war das Kälbchen also da. Und mein Frauenarzt war wieder gut Freund mit mir und hat mir versichert, er hat schon schlimmeres gehört. Nur halt von keiner seiner Patientinnen, aber das tut ja nichts zur Sache.
Mein Kälbchen hat nicht ausgesehen wie das Pandababy. Mein Kälbchen hat nicht mal so ausgesehen wie ein Kälbchen. Mein Kälbchen war rot verschwollen, bereits tödlich beleidigt (ein Wesenszug, der ihr bis heute geblieben ist) und namenlos. Es stand keine Presse vor der Tür, ja, nicht mal meine Eltern waren da. Nix Pandababy. Menschenbaby. Die Kinderkrankenschwester hat mich dezent gefragt, wie die Kleine denn heissen wird. Ähm, hmpf, tja, denk. Ähm. Gott sei Dank war meine beste Freundin bei der Geburt anwesend (meine beste Freundin ist eigentlich immer anwesend, wenns mir an den Kragen geht und vice versa) und so hat sie beschlossen, dass meine Tochter so heisst wie sie. Passt gut, ich mag den Namen Josefine.
So. Nun war Fini also da. Wenigstens in einem war sie dem Pandababy gleich ziemlich ähnlich: sie hat am liebsten gegessen, geschmatzt, geschnüffelt, gerülpst, gekackt und geschlafen. Schreien war nicht so ihrs, das war ihr zu anstrengend.
Als wir dann aus dem Krankenhaus entlassen wurden, hatte ich mal überhaupt keinen Plan, was das Müttersein so angeht. Ich meine, ich hatte da nicht mal Literatur drüber. Ich weiss, wie man Babykatzen grosszieht und Babytauben zwangsernährt, aber Menschenkinder? Das hab ich nicht gelernt auf der Uni. Also hab ich mir gedacht, ich mach mich bei denen schlau, dies wissen müssen: Müttern!
Aber da bin ich gleich mal vom Regen in die Traufe gekommen. Also, erstmal dachte ich, ich les in einem bekannten Internetforum nach, wie Mütter das Müttersein so auf die Reihe kriegen. Irgendwie hat mich das dort voll erschrocken: die Mamas schreiben drüber, was man alles nicht darf und soll. Und irgendwie darf und soll man da gar nichts mehr. Ich habe gleich ein schlechtes Gewissen gekriegt, denn ich wusste nicht, dass man mit Pre-bröselmilch sein Baby töten kann! Ich habe mich dafür gehasst, dass mein Euter, ähm, sorry, mein Busen keinen Milcheinschuss hatte. Ich hatte Alpträume, weil ich mein Kind -im guten Glauben!- impfen habe lassen. Was bin ich auch so blöd und hör auf einen Arzt!! Never trust the Kinderarzt, der ist ein Sklave der bösen, bösen Pharmaindustrie, und eine Supermegaübermutter weiss sowieso alles besser!!! Stundenlang habe ich mich im Schlaf gewälzt und "windelfrei, windelfrei" gestöhnt. Wo doch jeder ausser mir weiss, dass Windeln voll das allerletzte sind und man Kinder einfach immer nur übers Klo halten darf!
Und erst der Kinderwagen! Ja meiner Seel. Wie naiv ich da war! Da dachte ich doch ernsthaft, ich tue meinem Kind was Gutes mit meinem Kinderwagen (für alle Insider: Fini fährt in einem Stokke. Ihr könnt sie jetzt bemitleiden. Für alle nicht Insider: das ist ein ganz normaler Kinderwagen. Ihr könnt Fini jetzt auch bemitleiden.) Und da erfahre ich, dass es nur ein ultimatives Gefährt gibt, das einzige und beste. Wenn man nicht das berühmte "Schreckgespenst" fährt, dann bringt man das Kind bereits im Säuglingsalter auf den falschen Weg und ebnet ihm den Weg in den Abgrund. Ich habe mich beim Kauf in meiner Blödheit gegen besagten Kinderwagen gewehrt, weil ich dachte, es kann einfach nicht gut sein, wenn das Kind bereits in der Wanne am Boden schleift und danach im Sportsitz in Auspuff- und Hundeschnauzenhöhe sitzt. Ja, ich war sogar so naiv, anzunehmen, dass es dem Intellekt meines Kindes nicht zuträglich sein kann, wenn es im Kinderwagen nur Füsse sieht aber keine Gesichter. So kann man sich irren, wenn man keinen Plan hat.
Am allerbesten ist sowieso das Tragetuch. Hat Fini leider nicht so gesehen, obwohl ich mir postwendend ein Tragetuch zugelegt habe. Fini findet die Nähe zu mir wohl scheisse, weil man da Körper an Körper ziemlich schwitzt und nur Mamis Busen sieht und die Nase halt in die Busenritze gedrückt wird und hat lieber in ihrem uncoolen Kinderwagen seelig geratzt oder die Gegend angeschaut. Da hab ichs dann schon gemerkt: meinem Kind fehlt die ökologisch-intellektuelle Spiritualität, weil ich den Geburtsvorbereitungskurs sausen hab lassen.
Ich war also schon ganz verzweifelt. Da hat mir jemand empfohlen, ich solle doch ein Müttertreff aufsuchen. Man könnte in gemeinser Runde über die Probleme und Freuden des Mütterseins plaudern, in lieber, geselliger Runde und die Kinder bekämen Sozialkontakte.
Ich hätte es wissen müssen.
Ich komme bei dem besagten Müttertreff an. Ausser mir schon fünf Mamas mit ihren Babys da. Die Mamas sitzen im Kreis um die Babys, die auf einer Art Spielwiese krabbeln und rollen, mit tollen Spielsachen. Ich dachte mir, wie unglaublich süss. Tja, bis ich dahintergekommen bin: das ist kein Kreis, nein, wir sind das Publikum. Und das ist auch keine Spielwiese, um die wir drumherum sitzen, das ist die Arena. ich setze also mein Kind in die "Arena" und die erste Mutter spricht mich an "Wieviel wiegt denn die Windel von deinem Kind, nachdem sie ihr Kacki gemacht hat?" Ich dachte, das ist ein Scherz. Das war wieder so ein peinlicher Moment des Tages als ich gemeint habe "Ich weiss nicht genau, ich runde das immer nur auf drei Kommastellen genau" Als ich dann noch gestehen musste, dass ich Fini nicht stillen (kann) und sie auch noch nicht für diverse pädagogisch wertvollen Spiel- Rhythmus- Englisch- Suaheli- Babyschwimm- Pekip- Vorschulgruppen angemeldet habe, wars vorbei.Wie entsetzlich, im Gegensatz zu den anderen Wunderwuzzis konnte Lili im zarten Alter von sechs Monaten net amal noch im Zahlenraum bis 10 rechnen!! Und hat noch keine Fremdsprache gesprochen! Es war meinen Mitmüttern völlig klar: ich kann nur versagen, meinem Kind ist eine Laufbahn als Junkie, Sozialversager und Arbeitsloser im Gemeindebau sicher.
Wie ein geprügelter Hund zog ich von dannen, und überlegte beim nach Hause spazieren, dass solche Müttertreffs wohl eher nicht dazu da sind, sich liebevoll zu unterstützen wie die Starmaniasuperüberdrübermütter behaupten. Da treffen sich Mamas, um sich gegenseitig eins reinzuwürgen.
Ich hab mit Fini dann übrigens doch noch Pekip gemacht und ehrlich, es war nett. Diese Mamas haben mir Hoffnung gegeben, ihre Kinder waren nämlich genauso anti-intellektuell wie Fini. Ich kann also hoffen, dass Fini nicht bereits mit 17 Monaten abrutschen und in der Kinderkrippe mit Dreh & Drinks oder Schokobons (=beides BÄH!!! Wer sowas seinen Kindern gibt, ist eine BÄÄÄÄÄÄÄÄÄH Mutter, die das Leben ihrer Kinder aufs Spiel setzt!!!!) dealen wird. Ich könnte den Gedanken nicht ertragen, dass sie dann strafweise mit ihrem (kaum benutzten) Tragetuch gefesselt und geknebelt wird und in die Busenritze der Kindergartenpädagogin atmen muss.